Skip to content

Der Anfang der Geschichte

19. Mai 2017

Der Anfang einer Geschichte sollte tunlichst das Interesse des Lesers wecken, damit der das Lesen nicht gleich wieder sein lässt. Soweit sind sich alle einig, mit Ausnahme vielleicht von Literaturkritikern und den Leuten, die die Bücher kaufen, die von Literaturkritikern besprochen werden, um sie sich zum Angeben ins Regal zu stellen.

Über die Frage, wie man einen Interesse weckenden Anfang schreibt, darüber gibt es jede Menge (und jetzt noch einen mehr) Blogeinträge, Ratschläge, Ratgeber, ja ganze Schreibseminare. Ich habe eine erkleckliche Anzahl davon gelesen und habe trotzdem immer noch Schwierigkeiten, einen guten Anfang zu schreiben.

Denn außer das Interesse wecken, sollte der Anfang einer Geschichte noch zwei weitere Kriterien erfüllen:

Das erste ist, dass ein guter Anfang auch zum Textgenre passen sollte. Natürlich kann man (Schreib-)Regeln brechen und sollte das auch gelegentlich tun, aber wenn man einen Hardboiled-Gumshoe-Krimi mit der Beschreibung von Schmetterlingen beginnt, die über eine Blumewiese tanzen, geht man ein ziemliches Risiko ein. Selbst wenn die Schmetterlinge sich dann auf einer blutüberströmten Leiche niederlassen, die malerisch zwischen den Butterblumen liegt. Warum? Weil man die Genreleser dadurch vergrault. Die erwarten nun einmal, dass ein Hardboiled-Gumshoe-Krimi damit beginnt, dass der Detektiv am Schreibtisch seines kleinen heruntergekommenen Büros im heruntergekommenen Mietshaus im heruntergekommenen Teil der Stadt sitzt und überlegt, ob er die letzten fünf Dollar (Euro, Pfund, was auch immer) lieber für Zigaretten oder für Whiskey ausgeben soll.
Das heißt jetzt nicht, dass man nicht auch mit den Schmetterlingen und den Butterblumen anfangen kann, aber dann werden das Buch halt erst einmal nur Leute ohne bestimmte Erwartungshaltung lesen. Oder Leute, die auf der Suche nach einem Thriller sind, aber die werden das Buch wiederum nur zufällig in die Hand nehmen, weil es ja als Hardboiled-Gumshoe-Krimi firmiert.
Jetzt schreibe ich aber in einem, relativ gesehen, jungen Genre. Einem, dass außerdem weniger durch die Geschichten selbst, als durch die Art wie die Geschichten erzählt werden, definiert ist. Und das daher keine etablierten Anfänge kennt. Behaupte ich jetzt einmal.

Das zweite Kriterium ist, dass der Anfang den Tonfall/die Stimme des Textes erkennen lassen sollte. Humorvoll, brutal, detailversessen, technikorientiert, gefühlvoll, poetisch, etc. etc.
Als Leser ist dieses Kriterium für mich sogar oft das ausschlaggebende. Wenn ich den Tonfall nicht mag, dann kann es noch so spannend und rätselhaft und passend zum Genre anfangen, ich werde das Buch nicht lesen. Auf der anderen Seite habe ich schon Bücher erstanden, deren Anfang ich eher mau fand, wo mir aber der Tonfall ausnehmend gut gefallen hat. Nicht alle davon fand ich dann auch wirklich gut, aber fast immer unterhaltsam zu lesen, eben wegen des Tonfalls. Während Bücher, die einen fesselnden Anfang haben, ja bisweilen danach stark nachlassen. Und wenn es dann nicht einmal, in Ermangelung eines besseren Wortes, angenehm zu lesen ist, weil der Ton für meinen Geschmack viel zu schrill oder was auch immer ist, dann war es das dann.
Meiner Meinung nach ist das der schwierigste Teil, was das Schreiben von Anfängen angeht, einen Ton treffen mit dem man sich beim Schreiben wohlfühlt und der dem Leser des betreffenden Genres wohlgefällig die Synapsen umschmeichelt.

Und falls jetzt jemand bis hierher gelesen hat, in der Hoffnung einen Tipp zu bekommen, wie man denn nun einen guten und passenden Anfang schreibt: tut mir leid, ich habe keine Ahnung. Ich mache es so, dass ich solange Anfänge schreibe, bis ich einen habe, den ich als einigermaßen brauchbar ansehe, oder ich das Gefühl habe, besser wird es im Moment nicht. Dann schreibe ich weiter. Weil wenn es dann ans Überarbeiten geht, dann hat man schon wieder viel mehr Gefühl für die Geschichte und die Charaktere und bekommt dann hoffentlich einen besseren Anfang hin. Wobei ich mich ja der Hoffnung hingebe, dass mit mehr Erfahrung das Prozedere etwas schneller wird. Immerhin, beim aktuellen Buch habe ich nur viermal angefangen, bei Koslows Äthermaschine waren es noch sechs oder sieben Anfänge. Wird doch!

Grüße
wortringender wortschmied

Advertisements
2 Kommentare
  1. Nina permalink

    Stimmt! Aber ich muss sagen, die Schmetterlinge auf der saftigen Leiche fände ich einen guten Anfang. 🙂 Wobei ich, zugegeben, nicht Mimi heiße und durchaus ohne hardboiled gumshoe Krimi leben kann.

  2. Zugegeben, für sich genommen hat der Schmetterlingsanfang durchaus Potential. Wär gar kein schlechter Serienkiller-Thriller Anfang. Wenn es mir bloß nicht schon beim Schreiben so grausen würde bei derlei… 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: