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Eine Legion Edgar Wallace

22. August 2016

Ich bin nicht einer der fleißigsten Blogschreiber, aber ich lese relativ viele Blogs von Autoren und MGAs. Dabei ist mir in letzter Zeit der Trend aufgefallen, möglichst viele Bücher in möglichst kurzer Zeit zu veröffentlichen.
Weil, so wird argumentiert, und zwar von Selbstveröffentlichern als auch von Verlagsautoren, nur so könne man mit Schreiben Geld verdienen.
Ohne ständig neue Bücher in möglichst kurzen Abständen, aber jedenfalls schneller als der Leser den Autor wieder vergessen hat, ginge es nun mal nicht. Zu viele Autoren buhlten um die Gunst des Lesers, als das man riskieren könnte, einen zu verlieren. Also müsse man ständig für Nachschub sorgen. Und je schneller man sich eine umfangreiche Backlist erschreibt, desto besser. Damit der Leser, wenn es noch kein neues Buch gibt, ein älteres kaufen kann. Und je mehr Bücher man pro Jahr schreibt, desto weniger Stück muss man pro Buch verkaufen, um davon leben zu können. Es sei einfacher seinen pekuniären Jahresbedarf mit – beispielsweise – fünf Büchern abzudecken als mit nur einem.

Es mag an der Natur des Internets liegen, wo man von einer Seite auf die nächste surft und dadurch öfters in einem Pool ähnlich denkender Schreibender landet, weil gleich und gleich gesellt sich gern. Oder es ist eben wirklich ein Trend auszumachen.
Neu ist dieses Verkaufsmodell auch nicht, siehe Edgar Wallace, der es in 25 Jahren als Schriftsteller auf 175 Bücher gebracht hat. Das sind im Schnitt sieben Bücher pro Jahr, 25 Jahre lang. Eine beeindruckende Leistung, egal was man von seinen Büchern halten mag. Und das Modell kann durchaus funktionieren, wie man sieht, und nicht nur bei Edgar Wallace.
Aber die Frage ist, ist es wirklich das beste Modell als Schriftsteller Geld zu verdienen? Jetzt mal abgesehen davon, dass es verdammt viel Disziplin verlangt, ein derartiges Arbeitspensum auch nur ein Jahr lang zu bewältigen, geschweige denn ein Schriftstellerleben lang. Und abgesehen davon, dass wohl nur wenige Menschen noch Spaß beim Schreiben haben, wenn sie so viel so schnell schreiben müssen. Und wenn man keinen Spaß mehr am Schreiben hat, leidet entweder die Qualität oder der Autor. Beides nicht gut.

Die oben genannten Argumente lassen sich auf zwei Grundprinzipien reduzieren:

  • Dem einzelnen Leser, sobald man denn einen an der Angel hat, möglichst viele Bücher zu verkaufen (indem man ständig für Nachschub sorgt und eine umfangreiche Backlist anlegt)
  • pro Buch möglichst wenige Stück verkaufen zu müssen, um Profit zu machen.

Der Wunsch des Autors danach, dass jeder Leser alle Bücher kauft, die man geschrieben hat, ist nachvollziehbar. Und ja, Bücher die man (noch) nicht geschrieben hat, kann keiner kaufen.
Aber der Leser wird nur dann mehrere Bücher eines Autors kaufen, wenn ihm das eine, das er gelesen hat, sehr gut gefallen hat. Zuallererst muss ich den Leser begeistern, dann erst wird er sich für meine restlichen Werke interessieren. Und wenn man auf Teufel komm raus schreibt, ist es um einiges schwieriger, gute, originelle, den Leser begeisternde Texte zu verfassen. Es scheint mir daher sinnvoller, beim Schreiben das Ziel zu verfolgen, möglichst gut zu schreiben, nicht möglichst schnell.
Zweitens, selbst wenn man ein Genie ist und unglaublich schnell unglaublich gute Bücher schreibt, sollte man nicht vergessen, dass der Leser irgendwann übersättigt ist. Selbst die Leseratten, die im Monat vier Bücher verschlingen, variieren ihre Lektüre. Vermutlich sogar mehr als jemand, der nur alle zwei Monate ein Buch liest. Die Grenze mag individuell verschieden sein, aber ich bezweifle, dass es allzu viele Leser gibt, die mehr als zwei Bücher ein und desselben Autors pro Jahr lesen. Selbst wenn sie echte Fans sind. Und echte Fans muss man erst einmal (mit Qualität) gewinnen.

Das Argument, dass ich, bei fünf Büchern im Jahr, pro Buch nur ein Fünftel soviel Stück verkaufen muss, als bei einem Buch pro Jahr, lässt außer Acht, dass jedes Buch Fixkosten hat: Lektorat, Coverbild, Satz. Das kostet Geld. Oder, wenn der Autor alles selber macht, kostet es Zeit, in der er nicht schon das nächste Buch schreiben kann.
Einfache Rechnung (mit Hausnummern, nicht echten Zahlen): Ich schreibe fünf Bücher und verkaufe davon jeweils 1.000 Stück. Pro Verkauf bleiben mir 2 Euro. Ich nehme also 10.000,- Euro ein. Die Fixkosten pro Buch betragen (sehr unwahrscheinliche Zahl, aber es geht ja nur ums Beispiel) 750,- Euro. Nettogewinn vor Steuern: 10.000,- minus 3.750,- ist gleich 6.250,- Euro.
Auf der anderen Seite habe ich jemandem mit nur einem Buch im selben Zeitraum, von dem er 4.000 Stück verkauft, um ein Fünftel weniger als der Autor mit den 5 Büchern: Einnahmen 8.000 Euro. Abzüglich der Fixkosten von 750,- Euro ergibt das einen Nettogewinn vor Steuern von 7.250,- Euro. Der Verdienst ist, aufgrund der geringeren Fixkosten, trotz der niedrigeren Verkaufszahlen höher als bei dem Vielschreiber.
Nun kann man natürlich einwenden, dass das Verlagsautoren nicht betrifft (was nicht wahr ist, weil auch Verlage Geld verdienen wollen und Fixkosten haben) und das die Zahlen aus der Luft gegriffen sind. Ja sind sie, aber das dahinterliegende Prinzip ist es nicht. Es ist besser, darauf hinzuarbeiten, möglichst viele Stück pro Buch zu verkaufen als darauf hinzuarbeiten, möglichst viele Bücher zu schreiben, damit ich weniger pro einzelnem Buch verkaufen muss.

Um diesen (zu) langen Eintrag zusammen zu fassen:

  • Ich bin der Überzeugung, dass es besser – und lukrativer – ist,  darauf abzuzielen, möglichst gute Bücher zu schreiben, als möglichst viele. Es ist besser, möglichst viele Leser als Fans zu gewinnen, als den Lesern die man hat, möglichst viele Bücher anzubieten. Denn erst Fans kaufen mehr als ein Buch vom selben Autor und empfehlen ihn weiter. Und auch Fans kann man wieder verlieren, wenn man unter Zeitdruck ein, zwei Bücher hinschludert.
  • Aufgrund der Fixkosten ist jedes Buch, auch wenn man es noch so schnell geschrieben hat, erst ab einer gewissen verkauften Stückzahl rentabel. Und diese Stückzahl an Verkäufen muss man erst einmal erreichen. Besser ein Buch, dass sich einigermaßen verkauft als fünf, die sich nur so lala verkaufen und im Endeffekt vielleicht nicht einmal die Fixkosten einbringen.

Oder noch kürzer: Qualität ist im Endeffekt immer besser als Quantität. Ich besitze alle elf Whimsey-Bücher von Dorothy L. Sayers in Deutsch und in Englisch und empfehle sie immer noch weiter. Ich besitze nur fünf oder sechs von Edgar Wallace und empfehle sie nicht weiter. Und ja, ich könnte das Beispiel auch mit zeitgenössischen Autoren und/oder einem anderen Genre bringen, aber ich will ja niemandem auf den Schlips treten.

Und aus.

wortschmied

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