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Das Experiment, Resumee

8. September 2013

Einer inoffiziellen – weil rein imaginären – Umfrage nach, haben 95% der Weltbevölkerung schon einmal im Scherz gesagt: Ich sollte ein Buch (darüber) schreiben. 56% haben ernsthaft darüber nachgedacht und 32 % haben auch tatsächlich damit begonnen. Nur 5% aber haben es auch geschafft, die erste Fassung fertig zu stellen. Was soll ich sagen? Es wundert mich kein bisschen. Und nicht nur deswegen, weil ich diese Umfrage gerade erfunden habe.

Am 1.1.2010 begann ich frohen Muts und guter Dinge ein Buch zu schreiben. Eins von der Sorte, die ich selber gerne lese, mit spannenden Abenteuern, sympathischen Charakteren und flott zu lesen und humorvoll erzählt.
Zehn Monate und 50 Schreibsitzungen später hatte ich 23.416 Worte, aber guter Dinge war ich nicht mehr und der Mut hatte mich verlassen. Die Gründe dafür waren die üblichen. Wenn man ein Buch schreibt, gibt es zwei Methoden: entweder man erstellt zuerst ein ausführliches Exposé oder man versucht die Geschichte hinter einer Situation oder einem Charakter auszugraben. Ich hatte weder ein besonders ausführliches Expose noch viel Übung darin, eine Geschichte auszugraben. Aber der, im Nachhinein gesehen, größte Fehler war, das ich meine Charaktere nicht kannte. Das ist nicht weiter schlimm, wenn man zu schreiben beginnt, aber man sollte sich schnell darüber klar werden, was die Hauptpersonen antreibt und ausmacht. Egal ob man jetzt mit Exposé arbeitet oder nach der Ausgrabungsmethode.
Kennt man seine Charaktere nicht, ist es schwer, warm mit ihnen zu werden, was das Schreiben zu einer eher freudlosen Arbeit macht. Abgesehen davon hilft es ungemein, beim Dialog schreiben und beim fortführen der Handlung, wenn man seine Charaktere kennt und mag. Steckt man einmal in einer Szene fest, kann man dann immer noch überlegen, was würde mein Held X oder meine Heldin Y jetzt tun, abgesehen von dem was sie tun sollte, weil es das Exposé so vorschreibt.

Den zweiten Anlauf, und zwar wieder von ganz vorne, aber mit der selben Grundidee und Geschichte habe ich Ende Februar 2011 unternommen. Bis Ende August hatte ich etwas mehr als 22.000 Worte in 53 Sitzungen ins Schreibprogramm getippt. Die Hälfte weniger als beim ersten Versuch, was unter anderem daran lag, dass ich mir diesmal dachte, ich schreibe lieber langsam aber dafür gleich möglichst druckreif. Was meiner Meinung nach vielleicht ein geübter Autor hinbekommen kann, als MGA sollte man das besser gleich wieder vergessen. Zugegeben – ich habe gerade kurz in Versuch eins und zwei hinein gelesen – der Stil und die Lesbarkeit ist in Versuch zwei tatsächlich merklich besser, von gut aber immer noch weit entfernt. Das heißt, man spart zwar Zeit beim überarbeiten, aber man kommt auch viel schwerer in einen Schreibfluss, wenn man jeden Satz sofort zweimal ausbessert, sobald er geschrieben ist.

Ende August 2011 habe ich dann ein Schreibseminar besucht, bei dem ich das Exposé meines Buches vorgestellt habe und das Ergebnis war, sagen wir mal ernüchternd. (siehe hier)Es dauerte ein halbes Jahr, bis mein Widerspruchsgeist sich wieder durchsetzte. Wobei nicht unerwähnt bleiben darf, dass nodeadfish in dieser Zeit in einer nächtlichen Eingebung meine Plotprobleme, die beim Schreibseminar deutlich zu tage getreten waren, löste. Kotau für die beste von allen! Anfang April (am 2ten, nicht am 1ten wohlgemerkt, man soll das Schicksal nicht unnötig herausfordern) startete ich den dritten Anlauf, das Buch zu schreiben. (Einträge hierzu hier) Ende August hatte 25.807 Wörter in 90 Sitzungen geschrieben. Wieder weil ich mich bemühte, von Anfang möglichst „gut“ zu schreiben und auch weil ich das Ganze etwas lockerer nahm und die Sitzungen kürzer waren. Dann folgte, brotberufsbedingt, eine zweimonatige Pause. November und Dezember schrieb ich wieder.

Dann kam Weihnachten 2012 und Krimzons Weihnachtsgeschenk „Das Leben und das Schreiben“ von Stephen King. Worauf ich beschloss jeden Tag mindestens 1000 Worte zu schreiben. Was ich ab Jänner dann auch tat. Das ließ kaum Zeit an einzelnen Sätzen herumzubasteln, aber dafür entstand ein Schreibfluss, und das war eine wirklich feine Sache. Anstrengend war es trotzdem, aber es ging was weiter. Die Qualität litt weniger darunter, als ich dachte. Am 18. März 2013 hatte die Erstfassung des Buchs 81.562 Wörter und war, bis auf den Ausklang, fertig.

Es folge ein Monat Pause zum Abhängen lassen und Anfang Mai begann ich mit dem Überarbeiten. Da sich die Geschichte etwas selbstständig gemacht hatte, ging es vor allem darum, nötig gewordenen Änderungen in der ersten Hälfte zu korrigieren, Szenen umzuschreiben, Szenen einzufügen, Szenen zu löschen. Dem Stil und der Lesbarkeit habe ich dabei noch weniger Aufmerksamkeit gewidmet und nur die allerschlimmsten Schlangensätze ausgebessert. Am 31. August 2013 und 43 Sitzungen später war die Betaversion, oder der „second draft“ fertig. Im Moment hat das Werk 82.472 Worte.

Das Überarbeiten wäre auch schneller gegangen, zugegeben. Aber nach dem Fertigstellen der ersten Fassung war meine Motivation ziemlich niedrig, weil das Ergebnis in meinen Augen nicht grade der Hammer war. Nicht mal ein Hämmerchen. Also habe ich es eher sehr gemütlich angehen lassen, nach dem Motto, jetzt bin ich schon so weit, wäre blöd, es nicht zumindest so weit auszubessern, dass es Sinn ergibt.
Glücklich bin ich mit dem Ergebnis nach wie vor nicht, aber immerhin ist die Geschichte jetzt einigermaßen lesbar und frei von gröberen Logikfehlern. Im Moment wird sie von etwa zehn Testlesern und Testleserinnen begutachtet, mal sehen was die meinen. Wenn niemand gröbere Fehler in der Handlung oder Unstimmigkeiten in den Charakteren entdeckt, dann werde ich vermutlich im Oktober damit beginnen die Lesbarkeit auf ein Niveau zu bringen, für dass ich mich zumindest nicht schämen muss. Denke ich. Außer alle meinen es wäre ein langweiliger Schmus mit lauter Unsympathlern.

Kurz, wer sich als MGA aufmacht ein Buch zu schreiben, sollte sich bewusst sein, dass er geschätzt mindestens etwa 300 Arbeitsstunden für die Erstfassung benötigen wird. Oder auch 600 bis 700, wenn man rumtrödelt wie ich. Außer man ist ein Naturtalent. Oder ein Genie. Oder hat die gesamte Geschichte schon bis ins kleinste Detail im Kopf und eine Tippgeschwindigkeit, die jede Sekretärin grün vor Neid werden lässt.

Funfact: die Wahrscheinlichkeit, im eigenen Text Fehler zu finden, steigt um 200 Prozent, sobald man ihn der ersten Person zum Lesen gesandt hat.

wortschmied

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