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Und ich dachte schon…

13. November 2012

… das es nur mir so geht. Aber offenbar sind nicht einmal Autoren von Weltruf davor gefeit, die Feder in den Korn zu tauchen. Wie ich zuerst in der Printausgabe des montäglichen Standard (vom 12.11.2012) unter dem Titel „Wer braucht schon ein weiteres mittelmäßiges Buch?“ las, und danach im Internet in jeder größeren Zeitung, hat Philipp Roth verkündet, dass er aufhört Fiktion zu schreiben. Nachdem er in den letzten Jahren seine Lieblingsbücher (von Dostojewski, Turgenjew, Conrad, Hemingway) und seine eigenen nochmals gelesen habe, habe er festgestellt, dass er die Lust am Schreiben verloren habe. Weiters wird er zitiert, dass er das Schreiben „als einen ständigen Kampf um das Besserwerden, der nicht zu gewinnen sei“ empfinde. 

Ich fand den Artikel höchst interessant, aus mehreren Gründen, aber vor allem deswegen, weil ich dieses Gefühl nur zu gut kenne: Wozu soll ich mich anstrengen, so gut wie XY werde ich sowieso nie schreiben, da lasse ich es lieber gleich bleiben. Wobei meine X-Ypsilons andere sind, als die von Herrn Roth, Hemingway ausgenommen. (Vielleicht auch nur, weil ich von den anderen dreien noch nichts gelesen habe. Denen haftet das Literaturetikett gar zu sehr an, für meinen Geschmack)
Interessant fand ich auch, dass Roth das in einem Interview mit einem französischem Magazin gesagt hat – allerdings schon vor einem Monat. Offenbar sollte man Dinge besser entweder auf Englisch verkünden oder von seinem Presseagenten ins Englische übersetzen und verschicken lassen. Denn im Rest der Welt herumgesprochen hat es sich erst dieses Wochenende, nachdem Roths Verleger (auf englisch) nun die Aussage bestätigt hat.
Interessant sind auch die Kommentare, die man unter den betreffenden Artikeln der Onlineausgaben diverser Zeitungen zu lesen bekommt. Sehr lehrreich was die jeweilige Leserschaft und Ansichten zum Schreiben an sich angeht.

Die wirklich interessante Frage aber ist: wenn man selbst als anerkannter Autor vor derlei nicht gefeit ist, wie damit umgehen? Thomas Wollinger schlägt in seinem Blog vor, alle Bücher wegzuwerfen. Ich nehme an, dass er das ironisch meint. Denn diese Lösung wäre eines Politikers würdig: aktionistisch, gut für eine Schlagzeile, das Symptom beseitigend (wo es nichts zu vergleichen gibt, kann man nichts vergleichen) und vollständig das eigentliche Problem ignorierend. Das Problem ist nämlich nicht, dass andere besser schreiben, sondern dass man keine Lust mehr hat (zu versuchen), selbst (besser) zu schreiben. Roth hat schließlich auch Jahrzehnte lang geschrieben, obwohl er auch da schon andere Autoren als besser empfunden hat.

Das Problem gliedert sich meiner Einschätzung nach in zwei Teile: Erstens, die Tücken des Vergleichs eigener Texte mit denen anderer und zweitens der eigentliche Grund, das Warum, des eigenen Schreibens.

Wenn man die eigenen Schreibe mit der anderer vergleicht, hat man immer das Problem, dass dies niemals objektiv möglich ist. Dem eigenen Text gegenüber kann man nicht unvoreingenommen sein, nicht wenn man wochen- und monatelang an ihm gearbeitet hat. Ob man der eigenen Schreibe gegenüber nun positiv oder negativ voreingenommen ist, ist Charaktersache, aber voreingenommen wird man immer sein. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man sich dem Frust über die eigene Unzulänglichkeit hingibt: das sich dieser Frust notwendigerweise auf einer subjektiven Einschätzung gründet. Entweder ist man besser oder schlechter als gedacht, aber nie genau so schlecht, wie man denkt.

Das Kernproblem aber ist, dass man die Freude am Schreiben verliert, weil man nicht so gut schreibt, wie man gerne möchte. Ob man zu dieser Erkenntnis gelangt, indem man sich mit anderen vergleicht, oder aus der Unzufriedenheit mit dem eigenen Text, ist nebensächlich. Und ob man darauf hin das neueste Handbuch wirft oder nicht, hängt ausschließlich davon ab, warum man überhaupt schreibt. Wenn die Antwort auf diese Frage, zumindest zum größten Teil, lautet: weil es mir Spaß macht, dann wird man auch immer über die Momente der Verzweiflung über die eigene Unzulänglichkeit hinwegkommen. Jede andere Antwort auf diese Frage allerdings birgt die Gefahr in sich, das man es früher oder später satt hat, das Schreiben.

Wobei der Spaß am Schreiben aus verschiedenen Quellen kommen kann: Spaß am Erzählen einer Geschichte, am lebendig werden lassen von Charakteren, am Erfinden vollständig neuer Welten, oder auch daran, so lange an einem einzigen Satz zu feilen, bis jedes Wort sitzt, so wie ein Modellbauer stundenlang geduldig mit einer Pinzette Grashalme und Blumen in die Wiese seines Dioramas pflanzt und Spaß dabei hat. Solange es Spaß macht, ist es gut.

Grüße
Wortschmied

PS: ein paar Links zum Kommentare lesen, für google-faule Leute:

http://derstandard.at/1350260977899/Philip-Roth-zieht-sich-vom-Schreiben-zurueck

http://diepresse.com/home/kultur/literatur/1311616/Philip-Roth-will-keine-Buecher-mehr-schreiben-

http://www.nachrichten.at/nachrichten/kultur/Goodbye-von-Philip-Roth-US-Autor-will-nicht-mehr-schreiben;art16,1006197

http://www.zeit.de/kultur/literatur/2012-11/philip-roth-ruhestand

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3 Kommentare
  1. Lesen, lesen lesen und vielleicht auch beim Nanowrimo mitschreiben, dann wird man besser und bekommt auch eine, wenn natürlich subjektive Einschätzung seiner Arbeiten, was ich bei mir bemerkte, bei mir ist auch noch das Bloggen und das Reflektieren über das eigene Schreiben dazugekommen. Wo ich ein bißchen skeptisch wäre, sind die Ratgeber, die engen wahrscheinlich, vor allem, wenn man noch sehr unsicher sind, ein, deshalb rate ich, nicht zu früh in die Schreibwerkstätten gehen. Ich habe das auch erst später gemacht, als ich schon geschrieben habe und das Hauptproblem ist wahrscheinlich die Menge, es ist halt wirklich schon sehr viel geschrieben und auch die die Sicht der Rezeptienten, warum müssen wir alle besser, als die anderen werden, warum müssen wir auf den Mont Blanc hinauf und sind erst gut, wenn wir den Nobelpreis haben, denn den bekommt nur einer im Jahr und am Mont Blanc liegen dann die Leichen, die von denen, die ein bißchen höher gekommen sind, weggedrängt wurden, das ist ein sehr sehr schiefes Bild und auch mit der Freude ist es schwierig, wenn ich immer nur höre, schon wieder nicht gut genug, Kafka ist es nicht, Flaubert hat besser geschrieben, was meist auch für die zutrifft, die diese Sätze sagen. Vielleicht wäre wirklich mehr Wertschätzung, ein offenener Blick für das andere eine Lösung, so daß niemand, wenn er oder sie es noch kann und will, zu schreiben aufhören muß und die anderen, die ein bißchen weiter unten sind, das auch dürfen

  2. rhadan permalink

    Ich finde persönlich, dass es ein „besser oder schlechter schreiben als …“ gar nicht gibt, ausser man versucht, den Stil einer Person gänzlich zu übernehmen, was aber ohnehin von Beginn an zum scheitern verurteilt ist. Meines Erachtens gibt es stattdessen nur ein „anders“, vor allem weil beim Lesen der Geschmack des Buchverschlingers bestimmt, was ihm gefällt und was nicht. Der Rest, gelinde gesagt, ist Merchandising – damit erreicht man das grosse Publikum, siehe JK Rowling …

    Die Flinte ins Korn zu werfen kann man also nur aus der eigenen Überzeugung heraus, dass man eben nicht gut genug schreibt, was aber weniger mit der Qualität der eigenen Werke als mehr mit dem künstlerischem Selbstwertgefühl zu tun hat.

    Zu guter Letzt kann ich noch die bekannte „Experten“ Regel in den Raum werfen – um in etwas ein Experte zu werden, muss man sich dieser Regel nach satte 10.000 Stunden mit etwas beschäftigen. Das gilt meines Erachtens nach fürs Schreiben genau so wie für Tanzen.

    • Einspruch, Euer Ehren!

      Wenn sich der „besser oder schlechter schreiben als…“ Vergleich nur auf den Stil beziehen würde, gäbe es kein besser oder schlechter, das stimmt. Aber: der Stil ist nur ein Aspekt dessen, was verglichen wird, für mich zumindest. Die Lesbarkeit eines Textes zum Beispiel wäre ein weiterer Aspekt und das es gut lesbare und nur mit Mühe verständliche Texte gibt, kann niemand bestreiten. Wenn es nun spezieller um erzählende Texte geht, dann gäbe es da noch glaubwürdige Protagonisten und solche die das nicht sind, eine das Interesse des Lesers haltende Geschichte im Gegensatz zu einer langweiligen usw.

      Kurz:
      Wenn ich sage: Ich wünschte ich könnte so gut schreiben wie zBsp. Dorothy L. Sayers, dann meine ich damit nicht, dass ich so schreiben will WIE sie (Stil), sondernSO GUT wie sie (bezogen auf: Lesbarkeit, gefinkelter Plot, interessante Figuren…).

      Grüße
      wortschmied

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