Skip to content

Rezension: Clockwork Spiders. Bomann, Corina

24. Mai 2012

Bislang habe ich hier unter der Kategorie „Leseliste“ nur meiner Meinung nach lesenswerte Bücher besprochen. Clockwork Spiders ist kein lesenswertes Buch, es ist ein wirklich schlechtes Buch, „Angriff der Killertomaten mit von George Lucas geschriebenen romantischen Dialogen“-schlecht. Kurz so schlecht, dass ich mehrmals herzlich lachen musste, aber nicht, weil das von der Autorin so beabsichtigt war. Normalerweise würde ich das Buch in das spezielle Regal mit den Kuriositäten stellen und fertig. Aber ich habe gerade auf Amazon nachgesehen, da hat das Buch sage und schreibe zwölf von zwölf 5-Sterne Rezensionen. Das freut mich für die Autorin, und macht es mir leichter, hier den – meiner Meinung nach verdienten – Verriss zu schreiben. Ausserdem lesen das hier vermutlich wesentlich weniger Leute, und wenn sie es denn lesen, werden sie es nicht glauben. Weil auf Amazon sind ja alle begeistert. Ich habe nämlich Skrupel, schlecht über ein Buch zu schreiben, weil auch hinter einem schlechten Buch steckt einen Menge Arbeit.
Aber es gibt mehr gute Bücher als man lesen kann, also ist es legitim, auf ein schlechtes aufmerksam zu machen, damit man sich die Zeit sparen kann. Ausserdem wird man nur dann versuchen, etwas besser zu machen, wenn einem jemand sagt, dass das bisher gemachte noch eine Menge Raum für Verbesserungen bietet. So, genug der langen Einleitung.

Der Plot:

Ich werde mich auch heute an die Regel halten, möglichst nichts von der Geschichte zu verraten, daher sei nur gesagt, dass es sich um eine „verrückter Wissenschaftler will die Welt erobern“ Geschichte handelt, was dem Leser auch gleich auf den ersten Seiten mitgeteilt wird. Der Beginn ist nämlich in der (von mir) sogenannten amerikanischen Tradition geschrieben, die verlangt, eine spannende Stelle der Handlung an den Anfang zu stellen, egal ob es Sinn macht oder nicht. Der sonstige Aufbau des Buches ist nicht schlecht, auch wenn sich die Autorin zweimal über heikle Stellen hinwegschummelt.
Einmal wird ein, wenn nicht unmöglicher, so doch sehr schwierig durchzuführender Einbruch bequem in zwei Sätzen als durchgeführt abgetan. Ich zumindest hätte schon gerne gewusst: wie?!
Die zweite Schummelei betrifft den Endkampf mit mehreren kämpfenden Paaren. Eine von den Henchwoman 1) überwältigt gerade ihren Gegner, dann schwenkt der Erzählfokus auf eine andere um. Als der Fokus wieder zurückkehrt zu der Gewinnenden, ist diese plötzlich und ohne weitere Erklärung kurz bewusstlos. Hatte sich vermutlich vor lauter voreiliger Siegesfreude im Kleidersaum verheddert und war unglücklich gestürzt. Oder so.

Ich habe persönlich habe nichts gegen klischeehafte Plots und im großen und ganzen fand ich den Aufbau der Geschichte gelungen. Drei von fünf Sternen.

Das Genre:

Wie der Titel schon vermuten lässt, ist Clockwork Spiders eine Steampunkgeschichte. Das mag einem gefallen oder nicht, es geht hier auch nicht um die Wahl des Genres, sondern um die Umsetzung. Und die hat mir in dem Buch den ersten herzhaften Lacher beschert. In ihrem Überschwang soviel Steampunk wie möglich unterzubringen, versieht die Autorin fast ausnahmslos jedes vorkommende Gerät mit dem Adjektiv „dampfbetrieben“. Soll sein. Aber dampfbetriebene Straßenlaternen? Das hätte ich dann bitte doch gerne erklärt. Abgesehen davon, dass Gaslaternen mindestens so Genrestandard sind, wie die Dampfmaschinen und Luftschiffe.
Ausnahmslos jeder Autor der Steampunk schreibt, hat ein Problem: Wie erkläre ich technische Geräte, die es nicht gibt und eigentlich nicht geben kann. Sprich: Maschinenmenschen, Luftschiffe die mehrere hundert Menschen transportieren können, extrem leistungsfähige Dampfmaschinen und so weiter. Soweit ich das bislang beobachtet habe, gibt es zwei Möglichkeiten, als Autor damit umzugehen: Man erklärt gar nichts, so wie ein Gegenwartsschreiber dem Leser ja auch nicht erklärt wie eine Strassenbahn oder ein Smartphone funktioniert. Es gibt Diese dinge einfach und basta.
Die zweite Möglichkeit ist, eine Pseudoerklärung anzubieten, wie es auch im Sciencefiction Genre üblich ist: der Warpantrieb läßt grüßen.
Frau Bomann hat sich für die erste Version entschieden und bietet keine Erklärungen und das ist innerhalb der Regeln des Genres in Ordnung. Leider hält sie das aber nicht ganz durch und versucht hin und wieder sehr wohl existierende Mechanismen  mit einem Warpantrieb zu erklären. Eine hinter einem Weinfass verborgene Geheimtür ist genau das und nicht eine mechanische Öffnungsmöglichkeit. Für die Umsetzung des Genres: zwei Sterne.

Die Charaktere:

Die Heldin, ihre Helfer, der Schurke und seine Helfer, allesamt aus feinstem Klischee erschaffen. Wie schon gesagt, hab ich nichts gegen Klischees, aber vom Hocker reißen sie mich auch nicht. Was mich aber stört, sind Charaktere, die ihre Meinungen innerhalb einer einzigen Seite ohne Erklärung wechseln („Ich finde Waffen, die Töten abscheulich!“ eine Seite später: „Warum betäubt er sie nur und erschiesst sie nicht?“) und Charaktere mit der Gedächtnisleistung eines Goldfisches („Na gut, dann besuchen wir eben den Zirkus.“ Einen (Buch-)Tag später: „Zirkus, was für ein Zirkus?“). Die Heldin ist fast achtzehn und verhält sich auch meistens altersgemäß, soweit ein alter Knacker wie ich das beurteilen kann. Hin und wieder aber hat sie Aussetzer als wäre sie zwölf und mental beeinträchtigt. Aber gut, auch Harry Potter hatte seine Aussetzer, unter anderem den ganzen fünften Band lang. Zweieinhalb Sterne.

Die Sprache:

Wer bis hierher gelesen hat (ja, ich weiß, der Text ist zu lange, aber das Ende naht) fragt sich vermutlich, was das Buch denn nun so schlecht macht, da bislang alles im Bereich Genügend bis Befriedigend lag. Hier ist die Antwort: die Sprache. So unattraktives Deutsch wie hier findet man sonst nur in unter Zeitdruck geschriebenen Groschenheften, deren Text genau 60 Seiten füllen muss. Kann ich das bei einem Groschenheft noch verstehen, wenn auch nicht gutheißen, bei einer lektorierten Buchveröffentlichung fehlt mir dafür jegliches Verständnis.
Vorsichtshalber werde ich hier keine echten Zitate bringen, da ich nicht weiß ob das erlaubt ist oder nicht. Aber wenn man das Buch auf Amazon aufruft, kann man, auch ohne Amazon-Konto, ein paar Seiten Probe lesen (einfach auf „Blick ins Buch“ klicken über dem Coverbild) und sich selbst ein Bild machen.
Bevor mich jetzt jemand falsch versteht: ich spreche hier nicht von Grammatik und Rechtschreibung, es geht um Sprache, die den Lesefluss unterstützt. Oder wenigstens nicht behindert. Wer sich schon mal länger als fünf Minuten mit dem Schreibhandwerk auseinandergesetzt hat, weiß, dass es eine handvoll klassischer Fehler gibt, die jedem passieren und auf die man beim Überarbeiten besonders achten muss. Nun, Clockwork Spiders hat sie alle:

  • Füllwörter in großer Zahl: irgendwie, wohl, zumindest, irgendwelche, wirklich, scheinbar, sogar, immerhin, … gibt es im Dutzend billiger. „Immerhin“ sogar en gros.
  • Doppelungen: Mich nervt das schon in Dokusendungen amerikanischen Ursprungs, dass alle fünf Minuten durch den Sprecher alles wieder und wieder zusammengefasst wird, weil der Zuseher während der Werbepause ja vergessen haben könnte, das der Tote tot ist. Um ein (nicht ganz wörtliches) Beispiel aus dem Buch zu bringen: ja, das war mir schon bewusst, dass ein geheimer Schalter nur wenigen bekannt sein dürfte.
  • Unpräzise, schwammige Wortwahl. Lässt sich zugegeben nur schwer völlig vermeiden, aber so oft muss es denn auch wieder nicht sein. Damit meine ich zum Beispiel: Das „etwas in der Magengrube“, das einem mitteilt das es gleich zum Kampf kommt, nennt man normalerweise das „Gefühl im Bauch“.
  • Sprunghafter Wechsel des Erählfokus: erst wird etwas aus der Sicht der Heldin erzählt, dann spricht plötzlich der autkoriale Erzähler, dann gehts wieder weiter aus der Sicht der Heldin.
    Beispiel (erfunden): „Mh“, dachte Jennifer, „diese Wolken sehen nach Regen aus.“ Dunkle Wolken warem am Himmel aufgezogen, bald würde es regenen. „Ich glaube, ich hole mir besser meinen Schirm“, dachte Jennifer.
  • Unelegante Sätze. Beispiel: unelegant: „Es behagte ihm nicht, ohne Schirm aus dem Haus zu gehen, aber er mußte es wohl riskieren.“ elegant: „Ohne Schirm aus dem Haus zu gehen behagte ihm nicht, aber er mußte es riskieren.“
    Zugegeben, kein besonders gutes Beispiel und das ist schon recht nahe an einer reinen Geschmacksfrage, aber mich stören unnötig komplizierte Sätze. Wobei das Beispiel hier zugegeben harmlos ist.

Amüsant fand ich auch einige der verwendeten Bilder und Vergleiche die meiner Meinung nach punktgenau das Ziel verfehlten. Zum Beispiel, wenn sie wissen was ich meine (nudge, nudge).

Um es zusammenzufassen: Clockwork Spiders liest sich wie eine unlektorierte Erstfassung. Das spart dem Autor Zeit und Mühe, ist aber nicht leserfreundlich und des öfteren unfreiwillig komisch.

So, und nun möge die Welle der entrüsteten Fans über mich hereinbrechen. Hier sitze ich, ich konnte es mir nicht verkneifen. (Um zum Schluss noch ein unbelegtes Zitat zu verballhornen.)

Grüße
wortschmied

PS: Ich hoffe, ich schaffe es irgendwann ein Buch zu veröffentlichen, damit sich Frau Bomann mit einer Rezension revanchieren kann.

________

1) Für Nicht-Rollenspieler: Ein Henchman, oder in diesem Fall eine Henchwoman, ist ein Handlanger des Bösewichts. Und zwar einer der in der Hierarchie unter dem Bösewicht steht und über den gewöhnlichen Schlägern (auch Brutes genannt). Ein Assistent des Geschäftsführers, wenn man so will, im Gegensatz zu einem einfachen Angestellten.

Advertisements
Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: