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Guter Stil (Teil 1): Ein Pferd stand auf der Wiese.

2. November 2010

Oder Regel Nummer 1: je präziser desto besser

Ein Pferd stand auf der Wiese. Dieser Satz scheint auf den ersten Blick völlig in Ordnung zu sein. Er hat ein Subjekt, ein Prädikat und ein Objekt. Er ist kurz. Er verwendet keine Fachbegriffe die nur fünf Prozent der Leser verstehen. Trotzdem ist dieser Satz schlechter Stil. 

Stil und Kunst haben gemeinsam, sich hervorragend für endlose Streitgespräche zu eignen. „Was ist Kunst?“ und „Was ist guter Stil?“ sind zwei Fragen die sich wohl nie zur Gänze so beantworten werden lassen, dass alle der Antwort zustimmen. Einerseits weil beides so allgemeine Begriffe sind, dass fast jeder sie ein wenig anders definiert und andererseits, weil die Antworten auf beide Fragen zu einem Teil vom persönlichen Geschmack abhängen.

Um eine Ausgangsbasis für Anmerkungen zu gutem Stil zu schaffen was diesen Blog angeht, hier meine Definition von gutem Stil: Guter Stil beim Schreiben bedeutet, so zu schreiben, dass der Leser dem Text möglichst mühelos folgen kann. Das ist jetzt zwar eine sehr minimalistische Definition aber eine, der wohl alle zustimmen können. Zumindest als Ausgangsbasis.

Nachdem nun die Prämisse geklärt ist, auf zum eigentlichen Thema: Warum der Satz ‚Ein Pferd stand auf der Wiese’ kein guter Stil ist. Die Antwort ist einfach: Subjekt, Objekt und Prädikat sind sehr allgemeine Begriffe. Wenn ich den Satz lese entsteht in meinem Kopf ein nebulöses Bild: Ein pferdförmiger Klecks auf einer grünen Fläche. Ich behaupte, der Autor hatte beim Schreiben keineswegs dieses Bild im Kopf. Als er  den Satz schrieb, dachte er an einen stolzen schwarzen Araberhengst, der hoch erhobenen Kopfes, mit im Wind flatternder Mähne auf dem perfekt geschnittenen englischen Rasen vor dem Schloss von Lord Rumplebottom stand. Oder er dachte an ein Shetlandpony auf dem in sattem Grün leuchtenden Hügel hinter der Steinhütte des Einsiedlers auf Island. Oder er dachte an eine gutmütige Haflingerstute die friedlich die Gräser hinter dem Bauernhaus in der Steiermark rupfte. Und so weiter und so fort, ich denke es ist klar worauf ich damit hinaus will. Je spezifischere Begriffe man beim Schreiben verwendet, desto spezifischere Bilder entstehen im Kopf des Lesers. Und das ist eine gute Sache wage ich zu behaupten.

Möglichst präzise Begriffe haben auch noch einen zweiten Vorteil: Man spart sich oft eine Menge langweiliger Erklärungen. Wenn ich schreibe „Ein Pferd stand auf der Wiese“ und dann erst in mehreren Folgesätzen erkläre, welche Rasse, Geschlecht und Farbe es hatte und um was für eine Art Wiese es sich handelte, wird das die Leser wohl kaum mit Spannung und Begeisterung erfüllen.

Kurz:

Ein Pferd stand auf der Wiese. – SCHLECHT!
Ein Araberrappe stand auf der schottischen Hochlandweide. – GUT! (naja zumindest besser)

So dass war es für heute, trockener Stoff, aber nicht uninteressant finde ich. Apropos Kunst und Stil: Wahre Kunst ist es, mit gutem Stil auch noch unterhaltsam zu schreiben. Bei mir reicht es meist nur für entweder unterhaltsam oder guten Stil. Und oft zu weder noch. Sellerie, wie der Franzose sagt.

Grüße
WS

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From → LMGA, Schreibhandwerk

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