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erzählenswert

13. Juli 2010

…oder: was Geschichte interessant macht

Als häufiger Benützer öffentlicher Verkehrsmittel habe ich ziemlich oft die Gelegenheit an den Geschichten und Erzählungen der Mitfahrenden teilzuhaben. Seit der massenhaften Verbreitung von Mobiltelefonen sind diese Gelegenheiten sogar noch exorbitant angestiegen, einerseits weil seitdem auch Leute tratschen können die alleine unterwegs sind und zweitens weil ein Großteil der Menschheit in öffentlichen Verkehrsmitteln eher lautstark telefoniert, wohl wegen der Nebengeräusche. So kann man auch noch die Unterhaltungen aus den Nebenwagons hören, vorausgesetzt man befindet sich in einem der neuen U-Bahnzüge in denen der Fahrgastraum von vorne bis hinten ungeteilt durch den ganzen Zug führt. Ein Paradies für einen MGA möchte man meinen, jede Fahrt bietet potentielles Material für Bücher, Novellen und Kurzgeschichten. Jo, schmecks.

Zwar kann man jede Menge Gespräche mithören, ob man nun will oder nicht, aber leider ist der Großteil einfach uninteressant. Selbst wenn man die reinen Einkaufslistenaufzählungen und die ‚Schatzi, ich bin gleich da’ Gespräche außer acht lässt und nur diejenigen in Betracht zieht, die tatsächlich eine Erzählung beinhalten, bleibt meist nicht viel verwertbares Material über. Was mich heute in der morgendlichen U-bahn zu der Frage führte, was eigentlich die Faktoren sind, die eine Erzählung – im Sinn von ‚Wiedergabe einer Reihe von Ereignissen’ – eigentlich interessant macht. Eine Frage die für MGAs ja nicht rein akademisch ist, schließlich lesen die Leute interessante Geschichten lieber als fade. Und bevor die Einleitung jetzt noch viel länger als der Hauptteil wird, hier die Ergebnisse der letzten Lottoziehung:

Eine Geschichte ist erzählenswert, wenn…

  • … die Ereignisse darin ungewöhnlich und nicht alltäglich sind.
    Katze jagt Maus ist langweilig, solange dabei nicht mindestens die von Großmutter geerbte Vase zu Bruch geht. Maus jagt Katze ist hingegen interessant weil ungewöhnlich.
  • … die Reaktionen der handelnden Personen ungewöhnlich und nicht alltäglich sind.
    Vater mit Kind im Vergnügungspark. Kind hat (Gas)Luftballon. Vater, der auch seinen Spaß haben will, geht mit Kind zum Schießstand, schießt und bekommt als Preis eine kleine Puppe, die er dem Kind schenkt. Das Kind freut sich, ist aber ein bisserl überfordert mit Puppe und Luftballon. Die Schnur des Luftballon verheddert sich mit der Puppe, der Luftballon entkommt und entschwindet samt Puppe himmelwärts. Kind weint, Vater tröstet, verspricht neue Puppe und neuen Luftballon. Relativ langweilig, obwohl die Flucht der Puppe per Luftballon schon ein wenig erzählenswert ist, weil so oft kommt das auch nicht vor.
    Dieselbe Geschichte aber mit erweiterten Ende: … Puppe entschwindet am Luftballon gegen Himmel. Vater schnappt sich geistesgegenwärtig eins der Gewehre vom Schießstand, zielt und schießt den Luftballon vom Himmel. Das ist nun eindeutig eine interessante Geschichte. Und ja, ist frei erfunden und nein ich bin nicht der Meinung, dass dies ein pädagogisch wertvolles oder nachahmenswertes Verhalten ist. Also liebe Kinder, macht das nicht nach ohne eure Eltern zu fragen!
  • … die handelnden Personen von Interesse für die Zuhörer sind.
    Eine ganze Industrie fußt alleine auf dieser Tatsache. Die gesamte sogenannte Yellowpress macht nichts anderes, als meist alltägliche und nicht weiter interessante Geschichten zu verkaufen, die nur deswegen für eine breiteres (wenn meiner Meinung nach auch ein wenig irregeleitetes) Publikum von Interesse sind, weil sie prominenten Personen passiert sind (oder auch nicht, so genau darf man das nicht nehmen in dem Sektor)
    Der Ablauf der Hochzeit von Herrn X mit Frau Y ist mir vollkommen gleichgültig. Bin ich aber mit Herrn X und /oder Frau Y befreundet, interessiert es mich sehr wohl, auch wenn die Hochzeit nicht viel anders abgelaufen ist, als tausende andere Hochzeiten zuvor.Wenn man meine morgendlichen U-Bahnerkenntnisse in eine kurze Formel bringt würde die ungefähr so lauten:

    Wenn du ein interessantes Buch schreiben willst, dann erschaffe sympathische Charaktere die die Leserschaft schätzt, lasse sie sodann in möglichst ungewöhnliche Situationen geraten und lasse sie diese Situationen dann auf möglichst ungewöhnliche Arten lösen.

    Ja, ich weiß, keine wirklich weltbewegenden Erkenntnisse, aber gemessen an den Umständen – morgens, U-Bahn, sommerlich heißes Wetter – so übel nun auch wieder nicht.

    Grüße
    WS

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From → Schreibhandwerk

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