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Amtsdeutsch

22. Juni 2010

Sprache, waffenscheinpflichtig

Deutsch ist eine sehr präzise und gelegentlich bis zur Umständlichkeit genaue Sprache. Was es mitunter erschwert, Sätze so elegant zu formulieren wie man das gerne möchte. Während des Schreibens beneide ich immer wieder einmal die englisch schreibenden Kollegen. Nur zur Illustration eine zufällige Phrase von http://www.phrasen.com:

Das ist das Papier nicht wert, auf dem es geschrieben steht.
It is not worth the paper it is written on.

Die deutsche Version ist deutlich sichtbar länger und benötigt zusätzlich eine Nebensatzkonstruktion. Auf der positiven Seite braucht man auf Deutsch weitaus weniger Geschichte um ein Buch voll zu bekommen als auf Englisch. Ist doch auch etwas, oder?

Und ja ich weiß, ich könnte einfach auch auf Englisch schreiben, aber dagegen sprechen zweierlei Dinge: meine doch eingeschränkte Kenntnis des Englischen im Vergleich zu meiner Kenntnis des Deutschen und die angeborene Sturheit, die sagt, es muss doch auch in Deutsch möglich sein, elegant zu schreiben.

Nachdem ich nun hoffentlich hinreichend postuliert habe, dass die deutsche Sprache schon von Natur aus wortreich Genauigkeit anstrebt, darf ich die werte Aufmerksamkeit auf jene gar gräuliche Sonderform des Deutschen lenken: das Amtsdeutsch.

Ich vermute stark dass es ursprünglich aus Juristenkreisen stammt, erfunden in dem Bemühen einen Text so unmissverständlich zu formulieren wie irgend möglich. Um auf diese Weise zu verhindern, dass der Empfänger den dargestellten Sachverhalt zu seinen Gunsten missversteht. Schließlich handelt es sich bei Texten von Ämtern meist um Bescheide, Anordnungen, Zahlungsbefehle und ähnlich nicht unbedingt auf die Gegenliebe des Empfängers stoßende Texte die gelegentlich gerade dazu herausfordern missverstanden zu werden.

Da diese Texte außerdem oft in großer Zahl unter das Volk gebracht werden, haftet ihnen auch eine gewisse Verallgemeinerung und Distanz an, schon um nicht jedes Mal den Text ändern zu müssen. Satzteile wie ‚Der Eingangs genannte Adressat dieses Schreibens wird hiermit aufgefordert…’ sind dann das Ergebnis.

Ist es bei amtlichen Schreiben noch nachvollziehbar – wenn auch nicht gut zu heißen – warum sie sich dieser sprachlichen Grausamkeit bedienen, taucht diese abartige Sonderform der deutschen Sprache leider auch an anderen Stellen auf, wo es eigentlich angebrachter wäre den Leser höflich zu behandeln und nicht einzuschüchtern. Denn einschüchternd wirkt Amtsdeutsch allemal. Manchmal so sehr, besonders wenn es von einem Könner verfasst wurde, dass man fast meinen könnte, das Einschüchtern des Adressaten wäre der eigentliche Zweck dieser Art Formulierungen. Ich nenne jetzt aus verschiedenen Gründen keine Beispiele. Wer noch nie von unerwarteter Seite geamtsdeutscht wurde, soll sich glücklich schätzen und einen anderen Eintrag auf diesem Blog lesen. Alle anderen werden mir denke ich zustimmen, dass ‚jemanden amtsdeutschen’ durchaus als eigenständiges Verb die Aufnahme in den Duden verdient hat. Möglichst unter der Rubrik: bei Verwendung mit einer Strafe von nicht unter drei Jahren Gesetzestexte lesen zu ahnden.

+++

Der Impetus zu diesem Blogeintrag war übrigens folgendes:

Lasst uns alle Juristen amtsdeutschen bis ihnen die Ohren schlackern:

Hiermit erfolgt die Aufforderung, alle zur Erstellung, Auslegung und Interpretation von Gesetzestexten ausgebildeten natürlichen Personen unter zu Hilfenahme der spezialisierten, eigens im Hinblick auf Unverständlichkeit hin entwickelten, Sonderform der Kommunikation, die in allgemeinem Konsens gemeinhin mit der Bezeichnung Amtsdeutsch benannt wird,  über alle Maßen zu versorgen, bis zu dem Punkt, da die zur Aufnahme akustischer Signale benützten Außenorgane besagter natürlicher Personen in wackelnde Bewegung versetzt sind.

Grüße,
WS

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From → Information

2 Kommentare
  1. Urks … beim letzten Teil tun einem ja fast schon die Augen weh. Und man ist geneigt nach zwei Sätzen einzuschlafen (vielleicht war das auch eine Kampftaktik von Rechtsanwälten?)

    Ich finde es übrigens auch bedenklich, dass Gesetzestexte prinzipiell auch eine „kommentierte Ausgabe“ haben. Welche (grundlegend) einfach erklärt, was zum Donnerwetter in der nichtkommentierten Ausgabe eigentlich gemeint ist.

    Noch bedenklicher, dass die kommentierte Ausgabe durchschnittlich in ungefähr den fünffachen Umfang hat …

    • Ja ich frage mich auch, warum sie nicht gleich ‚Klartext‘ schreiben. Aber das könnte dann ja jeder lesen 8und verstehen) und die Juristen hätten wesentlich weniger zu tun. Oder so.

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