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Sommerlich warm

15. Juni 2010

Atmosphäre aus der Atmosphäre

‚Sol lucet omnibus‘, die Sonne scheint auf alle, war schon bei den alten Römern ein geflügeltes Wort. Wäre der Ausspruch in unseren Breiten entstanden, würde er wohl ‚Der Regen macht alle naß‘ oder ‚Bewölkt ist es über allen Köpfen‘ lauten.  Wie auch immer man es formuliert, dem Wetter entkommt man nicht. Wetter ist immer. Gut,schlecht oder auch nur unentschieden, man entrinnt ihm und seinen Auswirkungen nicht. Wenn man erst einmal darüber nachzudenken beginnt, wird einem schnell klar, wie groß der Einfluss des Wetters auf unser Leben ist. Es bestimmt die Kleiderordnung, die Landwirtschaft, die Ausrüstung unserer Fahrzeuge, unsere Freizeitbeschäftigungen etc ad infinitum.

Zugegeben, gewisse Teile der Stadtbevölkerung versuchen immer wieder neu, es zu ignorieren, mit dem Erfolg dass am Abend des ersten Sommersonnentages die Drogerien zwecks Kauf von After Sun Lotions zur Linderung von Sonnenbränden gestürmt werden. Und dass am ersten Tag mit Schneefall ein fröhliches Ineinanderschlittern der sommerbereiften Autos stattfindet. Und dergleichen mehr. Aber auch wenn sie sich redlich bemühen, entkommen können sie dem Wetter auch nicht, die Stadtbewohner.

Was das Wetter und seine Bedeutung für Geschichten angeht, scheint es drei Kategorien zu geben. (Achtung es folgen nun grob fahrlässige Verallgemeinerungen zum Zwecke der eindrücklicheren Demonstration)

  1. Das Wetter ist plot-treibende Kraft, am offensichtlichsten in Reissern wie ‚Twister‘ und Konsorten aber auch in einem Film wie der Kinoversion der Avengers. Und dann gibt es noch ein ganzes Untergenre namens „Eingeschneit“, in dem mehrere Protagonisten von heftigem Schneefall überrascht für ein paar Tage von der Außenwelt abgeschnitten in einem einsamen Landsitz / in einer einsamen Berghütte / in einem einsamen (weil mitten in der Pampa gestrandeten) Zug festsitzen. Worauf, so wollen es die narativen Gesetze, unweigerlich ein Mord geschieht. 
     
  2. Das Wetter wird verwendet um Atmosphäre zu erzeugen, wobei hier gewisse Genres gewisse Vorlieben und Klischees entwickelt haben. Die regnerische Nacht der Großstadtkrimis, sturmumtoste Moorhügel in den Romanzen, wilde Gewitter oder strahlend  blauer Himmel im Heimatroman (oder kennt jemand einen wo es einfach nur mal bewölkt ist?)
     
  3. Das Wetter kommt  gar nicht vor. Wird einfach nicht erwähnt. Ist tabu wie die gewissen Tätigkeiten des menschlichen Stoffwechsels. Kommt einerseits in Actionreissern vor, die vor lauter Action keine Zeit für so etwas triviales wie das Wetter haben (ausgenommen es ist ein Reisser der Sorte Twister) und in literarisch wertvollen Büchern, die vor lauter Sprachverliebtheit, Nabelbeschau der Protagonisten und ausufernder Dialoge über den Daseinssinn von  Stehlampen das Wetter auch als zu trivial erachten.

Warum ich das alles erzähle? Weil ich als MGA mit nicht allzu viel Schreiberfahrung einfach immer wieder auf Dinge (im Sinn von Werkzeugen) vergesse, die einem das Erzählhandwerk erleichtern. Ich bin immer versucht, pure Handlung zu schreiben, sprich meinen Plot voran zu bringen.  Was sich dann leicht in einem Mangel an Atmosphäre niederschlägt. Funktioniert vielleicht bei einem Actioner aber selbst da braucht der Leser Verschnaufpausen. Ich habe daher begonnen eine Art Checkliste zu erstellen, mit Dingen auf die ich (noch) gerne vergesse. Und der neueste Eintrag lautet eben Wetter. Denn auch wenn es nicht plot-treibend eingesetzt wird, ist es doch ein sehr probates Mittel, dem Leser ein Gefühl für die Szene oder die Verfasstheit der Protagonisten zu geben. (Jemand der vom Regen durchnässt ist, wird sich in den meisten Fällen nicht wohl fühlen, zum Beispiel.) Und daher sollte man es auch verwenden, das Wetter. Nicht sklavisch in jeder Szene aber ganz darauf zu verzichten wär auch blöd. Wer einen ganzen Schrank voll Werkzeug hat und nur den Hammer verwendet, wäre ja wohl auch ein eher am unteren Ende der Intelligenzskala anzusiedeln. Alles klar?

Sonnenschein mit sanfter Brise wünscht
WS

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From → Schreibhandwerk

2 Kommentare
  1. Ein Unterpunkt von 2. wäre noch „situationsbezogener Wetterwechsel“.

    Bei 90 % aller Begräbnissen regnet es zum Beispiel. Weil es einfach trist ist.
    Wenn es spannend werden soll, bietet sich oft Nebel an.
    In Horrorschinken ist subjektiv gesehen jeder zweiter Abend Vollmond.
    Und wer auf Urlaub in den Süden fährt, bekommt Sonne.

    Klischees wollen bedient werden. 🙂

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