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Digitale Keilschrift

9. Juni 2010

… oder warum nicht alles Neue auch besser ist

Noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit – behaupte ich jetzt einmal bis mir jemand das Gegenteil beweist – sind so viele Daten produziert worden. Selbst wenn man die uninteressanten, wie Bilanzberichte und statistische Erhebungen zur Beliebtheit von Politikern oder ähnlich Entbehrliches, ausklammert, bleibt immer noch eine schier unglaubliche Menge interessanter Geschichten, Erzählungen und Informationen über. Was zwei Probleme aufwirft: Wie finde ich aus dieser Riesenmenge das heraus, was mich interessiert und wie erhält man diese Daten der Nachwelt? Oder auch nur für sich selber für die nächsten Jahre.

Das zu finden was einen interessiert scheint mir fast das kleinere Problem, denn einerseits gibt es Suchmaschinen im Internet, andererseits gibt es ebendort auch für jedes vorstell- und unvorstellbare Interessensgebiet Gruppierungen die sich gegenseitig mit Informationen versorgen. Zwar wird einem immer noch einiges durch den Lappen gehen, andererseits nützt es auch nicht sehr viel, von allen fünfhundert Büchern über die artgerechte Aufzucht von Bettwanzen zu wissen, wenn man sowieso nur Zeit hat 50 davon zu lesen.

Die längerfristige Erhaltung der Daten, um es jetzt einmal allgemein zu formulieren, ist jedoch ein Problem ganz anderer Größenordnung. Denn da läuft die Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung. Die Texte werden immer mehr, ihre Haltbarkeit jedoch immer kürzer. Das mag zwar bei einem Großteil der Texte wie allen Facebookstatusmeldungen, sämtlichen Tweets und Blogeinträge der Sorte „ich habe mir gerade neue Schuhe gekauft“ als ein Segen betrachtet werden, andererseits gibt es aber auch Texte von denen man sich wünscht, sie auch noch in zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren lesen zu können. Was bis vor zwei Jahrzehnten kein Problem war, und noch früher noch weniger eines, ist heute ein sehr großes. Tausende Jahre alte Tontafeln oder Steine mit Keilschrift kann man heute immer noch im Original lesen, vorausgesetzt man kann Keilschrift. Hunderte Jahre alte Bücher: kein Problem, alles immer noch da und keinerlei Gerät notwendig außer Sonnenlicht. Eine CD von vor 10 Jahren: mit Glück noch lesbar und mit noch mehr Glück hat man auch noch die dazu passende Soft- und Hardware. Ähnlich sieht es mit DVDs, Festplatten und anderen elektronischen Speichermedien aus. Erstens ist das Material wesentlich anfälliger und zweitens können schon ein paar wenige nicht mehr lesbare Bits im Extremfall ausreichen, dass alle Daten auf einem Medium nicht mehr lesbar sind. Ein Riß in einer Buchseite ist ärgerlich, lesen kann man den Text aber immer noch.

Worauf ich, nach dieser, zugegeben ziemlich langen, Einleitung eigentlich hinaus will ist, dass ich, trotz meiner Begeisterungsfähigkeit für elektronische Gadgets, zum Lesen jederzeit und überall die Papierform bevorzuge. Wie in der Einleitung gezeigt, ist sie wesentlich haltbarer als alle anderen Formen einen Text aufzuheben, ausgenommen Keilschrift, die ich aber aus Platz- und Kenntnisgründen leider nicht praktikabel finde. Um ein Buch zu lesen brauche ich nichts als das Buch selbst und Licht. Um einen elektronisch gespeicherten Text zu lesen brauche ich das Speichermedium (bekanntlich nicht sehr haltbar) ein Anzeigegerät, die passende Software (passend zum Anzeigegerät und zum gespeicherten Text wohlgemerkt) und eine Energieversorgung für das Anzeigegerät. Was meiner Meinung nach eine ganze Menge Dinge sind nur für den Vorteil, dass ich mehr Text auf kleinerem Raum aufheben kann. (Und das, ohne zusätzliche Maßnahmen, auch nur für relativ kurze Zeit). Bloß gibt es nicht so viele Bücher die ich wirklich aufheben will, dass mir der Platz dafür ausginge. Also hab ich auch von diesem einen, zweifelhaften, Vorteil rein gar nichts. 

Und seinen wir ehrlich: Was ist angenehmer zu lesen: ein Buch oder ein Kindle / E-Reader / Ipad / etc pipapo? Eben. Und was ist vergnüglicher: sich durch virtuelle Verzeichnisse zu klicken/drücken/tappsen oder vor einem Bücherregal zustehen, Titel zu überfliegen, ein Buch herauszunehmen, das Titelbild anzusehen, auf gut Glück eine Seite aufschlagen, ein Stück zu lesen, es wieder zurück ins Regal zu stellen und mit einem anderen Buch, das sich schon beim Herausnehmen ganz anders anfühlt, das selbe zu machen. Und so weiter. Nicht zu vergessen der Geruch von Holz und Papier, der aufgewirbelte Staub im Sonnenstrahl… – gut letzterer ist nicht obligatorisch, in Bibliotheken allerdings recht häufig anzutreffen.

Wer jetzt noch immer sagt: ich finde mein elektronisches Lesegerät trotzdem viel cooler und besser als ein Buch – auch gut. Reden wir in zehn Jahren noch mal darüber wenn ich mein Buch noch immer habe, du dein Lesegadget vielleicht sogar auch noch, bloß ist der Akku schon hinüber und Ersatz gibt’s leider auch nicht mehr.

Und ja, ich weiß dass auch die Lebensdauer dieses Blogs, da nur elektronisch vorhanden, beschränkt ist, aber das ist auch gut so, meiner Meinung nach.

Wünsche schönen Abend und vergnügliches Lesen und Schreiben
WS

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From → Information

2 Kommentare
  1. In vielen Dingen gebe ich Dir vollkommen recht. In fast allen sogar!

    Einen einzelnen Punkt kann das digitale Medium aber, was das althergebrachte nicht kann: Schnell vervielfältigen. Und zwar sogar sehrsehrvervielfältigen. Meinereiner hat was ich geschrieben habe nicht nur auf meinem Computer mittlerweile, sondern auch noch auf einer CD (ok, die hält nicht lange), aber auch im Internet gespeichert. Nicht öffentlich – aber immerhin auch dort. Und der Vorteil dort ist, dass ich es von vielen Orten abrufen kann.

    Die Tontafel braucht ewig zum meißeln, das Buch kopieren zumindest Minuten (meist länger und mit Kopierer ruiniert es das Buch) – aber Copy & Paste? Heutzutage Sekunden.

    Wie lange das jetzt am Server schweben wird, das sei mal dahingestellt … Ich hoffe mal doch, lange! 🙂

    😀

    PS: Ad Lesen ziehe ich fast schon meinen Kindle vor … ad schmökern … naja – aber ich beginne schon mir eine wirklich beächtliche Sammlung an „Samples“ runterzuladen, was wohl in ungefähr das selbe tut. Wobei, und da gebe ich wieder recht: Schon alleine das Titelbild kann sehr zum Kauf verleiten oder von selbigem abraten …

    • Stimmt, kopieren geht elektronisch in der Tat wesentlich schneller. Und es ist ja auch nicht so, dass ich selber mit Papier und Bleistift schreiben würde, denn um Texte zu erstellen, ziehe ich ein Textverarbeitungsprogramm alle mal vor.

      Was auch noch ein Punkt für Kindle und co ist: Viel, viel mehr Text auf einmal transportfähig. Beispiel Urlaub: Da kann ich eine Menge Bücher am Kindle mitnehmen. Müßte ich die in Buchform transportieren… Au und Weia. Und erst die die Gewichtszuschlagskosten im Flugzeug…

      Kurz, Kindle und Co haben definitiv eine Berechtigung, aber für den normalen Heimgebrauch ziehe ich trotzdem die Buchform vor 😉

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