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Stolpersteine

13. Mai 2010

… ,metaphorische und reale

Zur Zeit befinden sich meine Protagonisten im Wald. Da mein Held ein echtes Stadtkind ist, erschien es mir naheliegend, ihn über eine Wurzel stolpern zu lassen, während er fasziniert die Wunder der Natur betrachtete statt auf den Weg zu achten. Außerdem fand ich es lustig und ein bisschen Slapstick schadet nie, außer in einer Tragödie natürlich. Da wäre es wohl ein wenig unpassend, zugegeben. Und in einem epischen, hochliterarischen Werk vermutlich auch, die neigen auch eher zu großem Ernst denn zu leichtfüßigem Humor. Egal.

Zurück zu meinem stolpernden Helden. Die Szene las sich einigermaßen witzig und die beiden Damen, die mit dem Helden unterwegs sind, haben sich auch dabei amüsiert. Doch dann dachte ich: Mh, darf (m)ein Held stolpern und sich dadurch, bis zu einem gewissen Grad zumindest, lächerlich machen? James Bond ist nie gestolpert, Poriot – trotz seines fortgeschrittenen Alters – auch nicht, Luke Skywalker auch nicht, genauso wenig wie Captain James Tiberius Kirk. Dasselbe gilt übrigens auch für alle Heldinnen die kenne. Man könnte eine ziemlich lange Liste nicht stolpernder Helden und Heldinnen zusammenstellen, aber mir fiel kein stolpernder ein. Stolpern ist vielleicht noch etwas für die lustigen Sidekicks des Helden und für ungeschickte Bösewichte, aber nicht für die Darsteller der Protagonistenklasse.

Nachdem ich diese Überlegungen angestellt hatte, war ich einigermassen verunsichert. Andererseits aber könnte stolpern vor Publikum doch auch eine Herausforderung für einen Helden sein: wie geht er damit um? Bekommt er einen Wutanfall, bricht er in Tränen aus, ignoriert er es und macht weiter als wäre nichts gewesen (was ein deutlicher Hinweis auf Katzengene wäre), macht er einen Witz darüber und lacht über sich selbst? 

Schlußendlich habe ich mich dann für einen Kompromiss entschieden: Der Held stolpert, fängt sich aber geschickt mit einer mehr oder weniger eleganten Mischung aus Handstandüberschlag und Purzelbaum ab und verbeugt sich anschliessend wie nach einer großartigen akrobatischen Leistung. Was einerseits zeigt, dass er auch nur ein Mensch ist, der stolpern kann, aber einer mit großem Geschick und Selbstironie. Tataa! Held stolpert und zeigt dabei trotzdem die Eigenschaften eines Helden!

Ehrlich gesagt, ganz überzeugt bin ich zwar immer noch nicht von der Szene aber mal sehen wie die werten Testleser und Testleserinnen darauf reagieren. Oder ob es ihnen gar nicht weiter als ungewöhnlich auffällt. 

Wie auch immer, es zeigt: auch kleine Szenen können dem MGA manchmal ganz schön Kopfzerbrechen bereiten, obwohl sie dem Leser dann vermutlich nicht mal auffallen.

Spätabendliche Grüße
WS

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From → Schreibhandwerk

One Comment
  1. rhadan permalink

    Stolpern ist menschlich. Sind Helden Menschen?

    Nach kurzer Überlegung fallen mir auch nur meist weibliche Helden ein, die gerade mal stolpern, wenn sie auf der Flucht sind. Und wenn sie nicht Jungfrauen sind, dann sterben sie oft danach.

    Ich denke das Problem ist, dass stolpern etwas „banales“ und „menschliches“ ist, und, vor allem, oft etwas irrelevantes. Und viele Autoren schreiben nicht über irrelevante Dinge, die ihren Helden passieren.

    So wissen wir, dass der Held (solange er nicht von Bruce Willis oder Götz George gespielt wird) in der Früh auch mal Zähne putzt, sich rasiert und auch seine Blase entleert. Aber da diese Tätigkeiten vor allem in ihrer Summe jedes Buch um das doppelte wachsen lassen würden, werden sie weggelassen, ausser die Spüle explodiert beim Zähne putzen, oder wenn ein Krokodil aus der Toilette schnappt.

    Es gibt mehrere solcher Dinge … weibliche Helden bekommen nie die Regel, getrunken werden nur spezielle Getränke wie Kaffee und Alkohol, selbst Casanova Helden die mehr Frauen um den Finger wickeln als James Bond bekommen keine Geschlechtskrankheiten und selbst im tiefsten Winter verkühlt sich ein Held nicht (Schnupfen, wie banal, wenn dann muss es schon eine Grippe mit 40 Grad Fieber sein, um aufzuzeigen, dass unser Held nicht nur leidet sondern auch noch heldenhaft dabei ist!)

    Stolpern gehört meistens auch in diese Kategorie. Aber du unser (oder besser: dein) Held ja nicht „sinnlos“ stolpert, sondern dies vor allem einen Charakterzug (Stadtmensch) aufzeigt, darf er das wohl. Und dass er dabei noch stylisch ist, sagt natürlich auch viel aus.

    mfg Rhadan

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