Skip to content

Die Angst des Autors vor der leeren Seite

10. Mai 2010

oder: erst wenn man etwas geschrieben hat, kann man es auch wieder löschen

Eigentlich hatte ich geplant, heute den Eintrag „Zweitberuf, der“ ins Lexikon der Möchtegernautoren zu schreiben, und auch schon damit begonnen. Als ich mir aber die ersten beiden Absätze durchgelesen habe, musste ich leider die vollständige Abwesenheit von ironischer Leichtigkeit und, im Gegenteil, das Vorhandensein dogmatisch vorgetragener Rechthaberei feststellen. Nicht gut. Die Erfahrung lehrt, dass dergestalt vorgebrachte Argumente es wesentlich schwieriger beim Empfänger haben, als augenzwinkernd dargelegte. Daher habe ich das Ganze als Entwurf abgespeichert und für heute auf Eis gelegt. Hätte ich mir eigentlich denken können, dass es keine gute Idee ist, an einem Montag über das leidige Geldverdienen zu schreiben.

Was mich nun in die unangenehme Lage bringt, einen Blogeintrag ohne Thema zu verfassen. Das wäre zwar nicht das erste Mal (das heißt, in diesem Blog schon), aber man sollte das wirklich nicht zur Gewohnheit werden lassen, sonst endet man am Schluss noch als politischer Redenschreiber. Kurz, ein Thema muss her. Wie wäre es mit: „Die Angst des Autors vor der leeren Seite“? Naheliegend, wenn man es recht betrachtet.

Wenn man anfängt die erste Seite eines Buchs zu schreiben, kann die jungfräuliche Unberührtheit der ersten Seite… öh nein, falsches Jahrhundert.

Wenn man anfängt zu schreiben, kann einen das nervöse Blinken des Cursors auf dem Weiß des Textverarbeitungsprogammes ganz schön, nun, nervös machen. Wer schon einmal ein Buch über das Schreiben von Büchern gelesen hat, der weiß, wie wichtig ein guter, fesselnder Anfang ist. Es gibt mittlerweile sogar eine Schule, hauptsächlich amerikanischer Autoren, die aus diesem Grund dazu übergegangen ist, eine Seite mit einer actiongeladene Szene von irgendwo mitten aus der Geschichte noch vor den eigentlichen Anfang zu setzen. Gewissermaßen um dem Leser zu signalisieren, dass der Anfang vielleicht ein wenig träge ist, aber he, dafür geht es nachher so richtig wild zur Sache. Ist eine Möglichkeit, durchaus auch eine, die man beim Schreiben selbst praktizieren kann. Niemand sagt, dass man unbedingt mit dem Anfang beginnen muss. Man kann genauso gut mit irgendeiner Schlüsselszene beginnen, oder mit dem Schluss. Ich persönlich ziehe es vor am Anfang zu beginnen. Ich bin mehr der Eins- nach-dem-anderen-Typ. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass Figuren und Geschichten ein Eigenleben entwickeln, die den vorher sorgfältig (oder auch nicht ganz so sorgfältig) festgelegten Plot mehr oder weniger verändern können. Und dass die bereits geschriebene Schlüsselszene dann eventuell so gar nicht mehr vorkommt. Im Verlauf des Schreibens schreibt man die Szenen auch auf normalen Weg schon oft genug um, als das jemand so ökonomisch denkender (=fauler) wie ich, freiwillig eine weitere Fleißaufgabe machen würde. Wobei auch ein Absatz den man schreibt, nur um ihn wieder zu löschen, seinen Sinn haben kann. Und sei es nur, als gutes Beispiel für schlechtes Schreiben.

Wie auch immer, Hauptsache man fängt an zu schreiben. Und wenn es nur die Beschreibung des Schauplatzes der ersten Szene ist. Oder des Pickels auf der Nase des dritten Zuschauers von links auf dem Fußballplatz auf dem sich gleich das tragische Faul ereignen wird, auf Grund dessen der Held seine Karriere als Profifußballer beenden muß und das dann weiter dazu führt, dass er in seinem neuen Beruf als Vertreter für Bügeleisen die unglaublichsten Abenteuer erlebt.  Etwas bereits Geschriebenes wieder ausbessern oder löschen kann man immer noch. Aber eben erst nachdem man etwas geschrieben hat. Alles klar?

Der ganzen Sermon auf den Punkt gebracht: Raunz net, schreib!

Montägliche Grüße

WS

Advertisements

From → Schreibhandwerk

2 Kommentare
  1. rhadan permalink

    Um auch mal zu kommentieren zu beginnen …

    Zum einen (noch nicht zum Thema passend, aber dennoch wichtig) möchte ich nur mal sagen, dass dieses Blog einen seiner wichtigsten Zwecke nicht verfehlt: Es ermutigt mich als bekennenden MGA meinen müden Hintern mal wieder zu meinem Computer zu begeben und dort nicht, wie gewohnt, den üblichen Ablenkungen zu frönen, sondern tatsächlich auch mal wieder etwas zu schreiben.

    Zum anderen (jetzt zum Thema passend) ist es witzig, weil genau an dieser Stelle hapert es bei mir zum Beispiel nicht. Die ersten Sätze, ja sogar die ersten Seiten, sind meist kein Problem. Mag daran liegen dass ich eine Idee habe, und bei mir zwei Dinge bei einer Geschichte ganz schnell entstehen: Der Anfang und das Ende.

    Allerdings, und da muss ich unserem lieben Wortringer rechtgeben, ist es natürlich auch schwierig den Anfang gleich packend zu gestalten. In einem humoristischem Werk ist das wohl noch einfacher, schliesslich schreibt man sich auch bei Reden gross auf die Handfläche „Open with joke“, aber bei dramatischen, fantastischen, actionlastigen oder romantischen Geschichten (u. a.) lässt sich das meist nicht so gut an.

    Aber das macht bei mir oft nichts: Ich schreib trotzdem drauf los. Und ändere den ersten Absatz dann im Durchschnitt siebzehn mal.

    Mein Problem ist oft eher erkennbar an allen Blöcken, die bei mir zu Hause liegen … die ersten fünf bis zehn sind beschrieben und auch die letzten fünf bis zehn (wo ich den Block umgedreht habe, um etwas Neues anzufangen). Dazwischen prangt leeres Blatt. Und wird im Durchschnitt auch nicht beschrieben, denn das wäre ja so, als würde man nach den ersten fünf bis zehn Seiten aufgeben. Wer weiss, vielleicht macht man eines Tages dort ja doch noch weiter …

    Aber bevor ich endgültig abschweife und über paarungsrituale obskurer Kleintiere plaudere, widme ich mich lieber dem nächsten Kommentar.

    mfg RRJ

  2. Apropos Kleintiere, würde ich ein Kinderbuch schreiben wäre unsere Hamsterdame ein sehr lohnendes Objekt… mh andererseits auch nicht weil von wegen Beispiel und Moral und so… schwanger sobald es möglich war… zernagt ihre Behausungen, ist ein echter Messy, randaliert des Nachts herum… Nein eigentlich doch nicht.

    Zum eigentlichen Thema: im Moment arbeite ich an einer These, die ungefähr so lautet: man kann den Leser ruhig langweilen, am Anfang oder sonst wo, man muß es nur auf interessante Art machen. Wobei ich am Teil mit dem ‚interessant‘ arbeite, aber manche Autoren kriegen dass hin. Ich muß nur mehr herausfinden WIE sie dass machen.

    Und: wenn du was schreibst will ich es lesen!

    Grüße
    WS

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: